Die Story

Die Story

10 Jahre Parkinson. Ende 2019 der Hirnstimulator. Der Neurologe weist auf mögliche Süchte hin: Kauf. Sex. Reisen. Sonstwas. Die Malsucht ist es dann. Aquarellattacken. Ich konnte noch nie malen. Jetzt muss ich. Farben Pinsel Papier. Wo will der Stift hin? Welche Farbe möchte aufs Papier? Es malt. Ich schaue ihm dabei zu. Und es hört nicht auf. In einem Jahr fast hundert Bilder. Es könnte schlimmere Nebenwirkungen geben. Der Neurologe lacht und schlägt mir den „Hobbyismus“ als Diagnose vor. Die Übertreibung eines latent vorhandenen  Hobbies. Davon wusste ich nichts. Die ICD kennt den auch nicht. Die versteht eh nichts von Latenz. Aber mir gefällt er. Der Hobbyismus.

Bloß nicht interpretieren. Sonst geht es weg. Die Latenz mag sowas nicht.

Aber man kann ja mal fragen, unverbindlich.

Mein Freund  und Mentor Gunter Schmidt ehrt mich mit dieser Zumutung:

„Deine Bilder erinnern mich an Malinowskis romantische Beschreibung des Liebeslebens der Trobriander Anfang des 19. Jahrhunderts, du entsinnst dich: Freizügig, glücklich und friedlich im Alltag, aber in ihrer sexuellen Folklore, ihren Märchen und Sagen, finster, bedrohlich, grausam. Deine Bilder sind bunt, skurril, komisch, clownesk, aber nicht nur: Ein Männlein steht im Walde, und alle laufen weg; Phalli ragen in einen giftgelben Himmel, körperlos, abgeschnitten, eheberingt und mit stumpfen Fingernägeln nur schwach bewehrt ; ein Bein-Hals-Wesen erschleicht sich Cunnilingus; Mann, umstellt von Lippenfetischen, wird von scharfzüngiger Frau kastriert; pädophile Albträume eines Eichel-Kopf-Pinocchio; „selling postcards of the hanging“, ein Erhängter mit warmen Füßen, Gottseibeiuns und  Big Brother; Wesen, die meisten noch happy, gestaut im Vorhof der Siebten Hölle; Chaos, da Apokalypse, in blaugrün gehalten. Die ersten (vermute ich) Bilder haben noch viel weiße oder helle Flächen, dann brechen sich die Farben, das Leben und der Schrecken so richtig Bahn.

Das ist „Desolation Road“, gemalt statt gesungen, rätselhaft und surreealistisch. Rechtzeitig zum 70. feierst du den faustischen Kern von Sex, Liebe und Leben, die du in deinen großen Werken gelegentlich etwas vernachlässigt hast. Zur Ratio, Logik und Systemik treten mit Macht UBW, Es und Analyse: Das ist fast schon eine Reife, die uns beiden  suspekt ist – aber du hast sie ja auf eine dir gemäße queere Art und Weise „performed“.

„Psychoanalytischen Real-Dadaismus“ nennt meine Tochter Hannah den Stil. „Die Darstellungen sind klar, real und dennoch unsinnig, voller Humor und Zuspitzungen. Eine der bestechenden Fähigkeiten des Künstlers: das Aushalten, ja Zuspitzen von Paradoxien. Zwei Männer sitzen Rücken an Rücken, kehren sich voneinander ab, indem sie aneinander lehnen. Halten beide die Enden einer durchhackten Schlange in der Hand. Sind sie so schlangenhaft gebunden? Oder gerade durch das Beil getrennt?“

Qualitätskontrolle bei Peter und Celia. Psychoanalytiker beide. Von Amts wegen für das Unbewusste zuständig.  „Ein Fest für Melanie“ nennen sie das. Und wer weiss, dass Melanie mit Nachnamen Klein heisst, der hält einen Moment die Luft an. Mit stereotaktischer Präzision fotomontieren sie  ein freundliches Foto von Melanie Klein in den Kopf des Künstlers, gleich neben den Hirnschrittmacher. „Sie hätte sich gefreut, die freundliche Frau, die den Todestrieb immer ein bisschen interessanter fand als die frohe Libido: Dreifach zerstückelte, zweifach ertränkte Leiber, phallisch blutspritzende Einhörner und böse rote Brüste sind doch der Kern der Psyche! Und sie fragen: Ist Uli ein Kleinianer?“  Ist er nicht, lassen sie ihn aufatmen. Kurzfristig.

Aber auf das Böse ist auch kein Verlass. Man kann nicht ständig auf das Böse zeigen und glauben, man würde dann das Unbewusste  verstehen. Plötzlich dreht es sich anders herum, zum lebensbejahenden Frohsinn, zu Jux und Dollerei. Tanz und Heiterkeit gibt es auch ohne Gefahr und Bedrohung. Zumindest auf den Karten. Direkt daneben. Das ist noch nicht lange so. Dafür mussten die Seelenwissenschaftler erst die Ambivalenz erfinden. Früher, als die Welt noch klare Unterscheidungen kannte,  das  Gute oben und das Böse unten war, ließen sich die Bilder viel einfacher interpretieren.  Jetzt haben wir  die Ambivalenz am Hals, und Schluss ist mit der Eindeutigkeit.

Was weiss denn ich, was ich da male, ehe ich es gesehen habe? Und sehen kann ich es erst, wenn es sich gemalt hat. Erst dann werde ich gewusst haben, was es gewesen sein wird.

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